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Der Kicker von heute ist der Coach von morgen  

Bei seinem Bolzplatz-Programm setzt der Bundesligist Werder Bremen auf Kontinuität

Ein Kunstrasenplatz nahe des Bremer Weserstadions. 18 Jungen, die meisten etwa 16 oder 17 Jahre alt, stehen im Kreis. Das Training ist gerade beendet. Einige sind noch etwas aus der Puste, alle in Fußballkluft. Viele Werder-Trikots sind zu sehen, aber auch Real Madrid und zwei Nationaltrikots: Thomas Müller und Arda Güler.   

Wir fandet ihr das Training heute?“, fragt Max Winkler in die Runde. Die Jungs machen Daumenzeichen, fast alle Daumen gehen hoch, zwei bleiben quer. „Was war denn, was können wir bessermachen?“, hakt Max nach. Doch es ist nichts Ernstes, die beiden waren mit ihren persönlichen Leistungen heute nicht zufrieden. 

Die kurzen Gesprächskreise vor und nach dem Training sind fester Bestandteil des Bolzplatz-Programms (Foto: HJK)
Die kurzen Gesprächskreise vor und nach dem Training sind fester Bestandteil des Bolzplatz-Programms (Foto: HJK)
Die kurzen Gesprächskreise vor und nach dem Training sind fester Bestandteil des Bolzplatz-Programms (Foto: HJK)

Max Winkler leitet das Bolzplatz-Programm von Werder Bremen, das Teil des übergreifenden SPIELRAUM-Konzeptes ist. „Es geht darum, Kinder und Jugendliche an Bewegung und Sport heranführen“, sagt er. Das offene Training wendet sich jede Woche an Kinder und Jugendliche aus geflüchteten Familien. Es gibt die Altersgruppen zehn bis 13, 14 bis 17 und 17 bis 20 Jahre. Gerade haben die 14- bis 17-Jährigen gespielt. Die kurze Gesprächsrunde vor und nach dem Training – DaÏra genannt, nach dem arabischen Wort für Kreis – ist obligatorisch.  

 

Hat jemand etwas auf dem Herzen, geht es einem der Kids nicht gut? Dann können sie es hier sagen. Der Austausch ist fester Bestandteil des Trainings. Und natürlich können die Jungen auch entscheiden, was sie an diesem Tag machen möchten. Spezielle Trainingsübungen, Slalom mit dem Ball um Hütchen oder einfach Spielen?

Max ist die ganze Zeit am Platz und redet auch in den Pausen mit den Jungs. Seltener sind beim Fußballtraining Mädchen dabei, für sie gibt es aber auch andere Sportangebote. Dabei kommt manches ernste Thema zur Sprache. Ein niederschwelliges Angebot würde man das wohl in der Soziologie nennen, die Max neben Politik studiert hat.  

150 Kinder und Jugendliche pro Woche sind dabei 

 Nicht nur hier auf dem Soccer Court unweit des Stadions, an insgesamt sieben Spielorten in der Hansestadt finden pro Woche elf Programme statt, an denen jeweils etwa 150 Kinder und Jugendliche mit Fluchthintergrund teilnehmen. Sie stammen aus Gambia, Ghana, Kamerun, Somalia, Syrien, der Ukraine, Venezuela und weiteren Herkunftsländern  

Bundesligist Werder kooperiert dabei mit lokalen Initiativen, Vereinen, Kitas und Schulen. Beim Training auf dem Werder-Platz ist das der Verein Refugio Bremen e.V. Refugio-Sozialarbeiter Lukas König ist immer beim Training und kickt auch mit, wenn ein Spieler fehlt. 

Bereits seit 14 Jahren betreibt Werder dieses Programm, ohne es allerdings an die große Glocke zu hängen. Unter den Kindern und Jugendlichen wird es per Mundpropaganda bekannt gemacht. Meist sind die Trainings sehr gut besucht, unlängst war es nur während des Ramadans etwas leerer. Und sollte es wirklich einmal ganz leer sein, gehen Max und sein Team in die Übergangswohnheime und machen Werbung. 

Max Winkler, Sozialarbeiter Lukas König und Jannis Feneberg (v.l.) leiten das Training – und Lukas und Jannis spielen bei Bedarf auch mit (Foto: HJK)

Der Gefoulte entscheidet, ob es Foul war 

Nur wenige Regeln gibt es für das Training. Da ist erstmal natürlich der respektvolle Umgang miteinander. Dann gilt die Regel, dass im Spiel immer der Gefoulte entscheiden darf, ob es ein Foul war. Eine weitere Regel ist für Max bedeutend: „Wenn du kommst, dann bleib.“  

Kontinuität ist ihm wichtig. Natürlich darf wegbleiben, wer merkt, dass das Training nichts für ihn ist. Und man darf auch entschuldigt fehlen. Aber wer kommt, soll das regelmäßig tun. Schnell sollen die Kinder und Jugendlichen selbst Verantwortung übernehmen. Wer sehr strukturiert ist, kümmert sich um die Bälle. Und wer ein gutes Gespür für die Gruppe hat, kann auch selbst Trainer werden. Max spricht von Young Leadership – der Kicker von heute ist der Coach von morgen. 

Wie etwa Hasan Hourou. 2017 floh er mit seinen Eltern aus dem syrischen Aleppo nach Bremen. 2021 entdeckte er das Bolzplatz-Training für sich. Und 2024 machte er die Jugendleiter-Card Juleica und trainiert inzwischen die ganz jungen Kicker. Jetzt selbst Trainer zu sein, ist dem Abiturienten immer noch ein bisschen unangenehm. Doch das Training macht ihm so viel Spaß, dass er auch heute an seinem 20. Geburtstag da ist. 

Hasan Hourou floh mit seinen Eltern aus Syrien und wurde nach drei Jahren Kicken selbst zum Trainer (Foto: HJK)

Demokratiefördernder Sport 

Für Max Winkler ist dies das letzte Training. Er verlässt das Bolzplatz-Programm im Sommer 2025 nach zweieinhalb Jahren. Nicht weil es ihm keinen Spaß mehr machte, im Gegenteil. „Bis zum 30. Lebensjahr bekommt man ein Work-and-Travel-Visum für Australien“, erzählt er, „und ich bin 29.“ Seinen Nachfolger Jannis Feneberg kennt er noch aus dem Studium und arbeitet ihn gerade ein. Jannis muss nur noch seine Bachelorarbeit in Politik zu Ende schreiben. Das passende Thema lautet: „Wie demokratiefördernd Sport ist“. 

 

https://www.werder.de/nachhaltigkeit/soziales/spielraum/spielraum/ 

https://www.refugio-bremen.de/  

 

 

Bildrechte: Jan Voth
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