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Arbeitsmarktintegration

Sichtweise1 Thema. 4 Perspektiven.

Um die ganze Komplexität des Themas „Arbeitsmarktintegration“ erfassen zu können, sind verschiedene Sichtweisen nötig. Auf einer IHK Veranstaltung, die am 13. November 2023 in Hannover unter dem Motto So finden Sie Fachkräfte im Ausland“ stattfand, haben wir deshalb Stimmen von der Industrie- und Handelskammer (IHK), der Bundesagentur für Arbeit (BA) und dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sowie einem Unternehmen eingefangen, das erfolgreich Fachkräfte im Ausland angeworben hat.  

Maike Bielfeldt Johannes Pfeiffer Frank Behrendt Umut Kus

Die größte Herausforderung ist die einfache Aufbereitung von Gesetzesgrundlagen.

Maike Bielfeldt, Hauptgeschäftsführerin IHK Hannover

In Umfragen nennen unsere Mitgliedsunternehmen regelmäßig den Fachkräftemangel als eine der größten Herausforderungen. Etwa zwei Drittel der Unternehmen haben seit mehr als zwei Monaten offene Stellen, die sie nicht besetzen können. Wir stehen deshalb im engen Austausch mit unseren Mitgliedern, was wir als IHK Hannover tun können, um bei der Fachkräftegewinnung bestmöglich zu unterstützen.

Immer mehr Unternehmen sehen sich bereits nach Fachkräften im Nicht-EU-Ausland um. Vor allem der Wunsch nach Klarheit ist dabei sehr präsent auf Unternehmensseite. Nehmen wir nur das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz: Das ist ein so komplexes Regelwerk, das Unternehmen unmöglich in Gänze erfassen können. Es stehen dadurch viele Rechtsunsicherheiten und Fragen im Raum. Die größte Herausforderung sehen wir daher in einer einfachen Aufbereitung von Gesetzesgrundlagen, die wir für Unternehmen leisten. Gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit setzen wir auf diesem und anderen Feldern wichtige Impulse in Richtung Politik. Für mehr Bürokratieabbau – und für den Aufbau einer ganzheitlichen Willkommenskultur in Deutschland.

Für uns ist klar: Wir benötigen die richtigen digitalen Prozesse, um das Onboarding der qualifizierten Menschen aus dem Ausland noch effizienter zu gestalten. Auch auf Grundlage der Ergebnisse der Veranstaltung haben sich die IHK Hannover und die beiden Ausländerbehörden von Stadt und Region Hannover zusammengetan, um beim Thema Fachkräfteeinwanderung enger zusammenzuarbeiten. Am 1. März 2024 wurde schließlich eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet, in der es darum geht, die Prozesse im sogenannten beschleunigten Fachkräfteverfahren zu verschlanken.

Auch auf Grundlage der Ergebnisse der Veranstaltung haben sich die IHK Hannover und die beiden Ausländerbehörden von Stadt und Region Hannover zusammengetan, um beim Thema Fachkräfteeinwanderung enger zusammenzuarbeiten. Am 1. März 2024 wurde schließlich eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet, in der es darum geht, die Prozesse im sogenannten beschleunigten Fachkräfteverfahren zu verschlanken.

Ohne Zuwanderung würden bei uns bald die Lichter ausgehen.

Johannes Pfeiffer, Vorsitzender der Geschäftsführung, Bundesagentur für Arbeit, Regionaldirektion Niedersachsen-Bremen

Man muss es mal auf den Punkt bringen: Durch den Wegfall der Babyboomer-Generation würde bei uns das Erwerbspersonenpotenzial bis zum Jahr 2035 ohne Migration von 47,4 Millionen auf 40 Millionen Menschen sinken. Jedes Jahr ist eine Nettozuwanderung von mindestens 400.000 Menschen aus dem Ausland notwendig, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Vielen ist auch nicht bewusst, dass jedes Jahr rund 1 Million Menschen Deutschland verlassen. Hier können wir

ansetzen. Umfragen zeigen, dass Fachkräfte aus dem Ausland Deutschland wieder verlassen, weil sie sich hier nicht wohl gefühlt haben. Darüber hinaus brauchen wir dringend mehr Migration. Da viele unserer europäischen Nachbarn – auch Länder weltweit – ebenfalls auf der Suche nach Fachkräften sind, hat sich der Kampf bei der EU-Binnenmigration noch weiter verschärft.

Die Bundesagentur für Arbeit ist auf allen relevanten Feldern aktiv, um in Deutschland optimale Rahmenbedingungen für die Integration von geflüchteten Menschen in den Arbeitsmarkt zu schaffen. Über zahlreiche Programme und Projekte unterstützen wir beim Berufseinstieg sowie mit Weiterbildungsmaßnahmen, die Erwerbsbiographien stärken. Darüber hinaus sorgen wir mit Matching-Plattformen wie „Make it in Germany“ dafür, dass Interessenten aus dem Ausland mit inländischen Unternehmen direkt in Kontakt treten können, die Stellen zu besetzen haben.

Wir gehen aber noch einen Schritt weiter und rekrutieren schon seit einigen Jahren gezielt in bestimmten Ländern, die wir vorab einer quantitativen und qualitativen Betrachtung unterziehen. Wir setzen auf faire Migration. Wir wollen andere Länder nicht wirtschaftlich schwächen und werben nur da um Fachkräfte, wo es nicht genügend Arbeitsplätze gibt. Auch branchenspezifische Konzepte kommen dabei zum Tragen. Wir unterstützen bei alldem tatkräftig – die Kosten sind dafür allerdings von den Unternehmen selbst zu tragen. Diese liegen je nach Branche zwischen 7.000 und 15.000 Euro pro Bewerber:in. Unter bestimmten Voraussetzungen beteiligen wir uns jedoch an Weiterbildungskosten.

Wir sollten immer den Menschen sehen, nicht nur die Fachkraft.

Frank Behrendt, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF)

Im Bereich „Sprachförderung bei Arbeitsmigration“ bieten wir 11 Kurse in drei Kategorien an. Die erste umfasst Angebote, um das nächste Sprachniveau zu erwerben. Hierfür wird am Ende auch eine entsprechende Prüfung abgelegt. Die zweite Kategorie betrifft den Bereich der Berufsanerkennung. Ziel ist es hier, ein Sprachniveau zu erreichen, das für bestimmte Berufe erforderlich ist.

Hinzu kommen Fachsprachkurse, bei denen es darum geht, im Job besser zurechtzukommen, z. B. Aufträge besser verstehen oder Kunden passender ansprechen zu können. Angebote für Azubis haben meist eine längere Laufzeit und können bis zu 400 Unterrichtseinheiten mit anschließender Prüfung umfassen. Diese orientieren sich konsequent an den Sprachanforderungen in der Berufsschule.

Bei allen Bemühungen rund um den Spracherwerb dürfen wir nicht vergessen: Es kommen nicht nur Fachkräfte, sondern auch Menschen mit ihren Bedürfnissen, Sorgen und Nöten zu uns. Für gelungene Integration braucht es daher ein funktionierendes ganzheitliches Netzwerk, das alle Lebensgebiete miteinschließt – von einem guten Einreiseprozess, über die Sprachvorbereitung, bis hin zu einer Unterstützung bei Alltagsproblemen.“

Berufsschulen in der Türkei waren unsere erste Anlaufstelle.

Umut Kus, CEH Gastro GmbH

Während der Corona-Pandemie hatten wir viel Zeit, neue Ideen im Personal-Recruiting zu entwickeln. Eine davon war, uns in türkischen Berufsschulen als potenzieller Arbeitgeber vorzustellen – ganz bewusst ohne ein kommerzielles Umfeld oder irgendwelche Vermittler:innen, nur die Berufsschüler:innen, Lehrer:innen und wir. Das war sehr erfolgreich und wir konnten bereits über 100 Menschen aus der Türkei in unser Unternehmen integrieren. Die deutschen Sprachkenntnisse der Kandidaten waren zwar überschaubar. Das war uns aber bewusst und stellt in der Gastronomiebranche auch kein K.O.-Kriterium dar. Den nötigen Deutschunterricht haben wir dann selbst finanziert.

Etwas muss einem allerdings klar sein, wenn man als Unternehmen im Ausland eigenständig rekrutiert: Von Beantragung bis Genehmigung vergehen oft mehr als neun Monate. Diesen langen Atem muss man als Betrieb schon haben. Während dieser Zeit ist es auch wichtig, den Bewerber:innen durchgehend ein gutes Gefühl zu geben, damit sie nicht wieder abspringen. Das haben wir gemacht und deshalb sind bei uns auch alle an Bord geblieben.

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